
»Achtung, Wollmäuse!«, brüllte eine Stimme. »Wir müssen hier weg.«
Klein-Grumpfmumpf zuckte zusammen und riss ihre Augen auf. Ihre Schnurrhaare zitterten nervös. Erschrocken setzte sie sich in ihrer Hängematte hinter dem Heizkörper auf. Sie blickte nach unten zu ihrem Onkel Groß-Grumpfmumpf.
Er saß in seiner Hängematte und fluchte vor sich hin, während er hektisch seinen Gürtel anlegte. Sein Hut, auf dem eine Schraubenmutter befestigt war, baumelte an einer Schnur um seinen Hals. Mit riesigen Kulleraugen starrte er seine Nichte an und wackelte aufgeregt mit seinen spitzen Ohren. Sein flauschiges, braun-weiß geflecktes Fell war zerzaust, als ob ihn der Blitz getroffen hätte.
»Wir sind in Gefahr«, rief er. »Wir müssen auf die Heizung klettern. Machʼ dich bereit!« Er zeigte auf einen Haufen von Staubflusen, die sich hinter dem Heizkörper verfangen hatten und von einer Windböe langsam in die Höhe geblasen wurden. Vor langer Zeit hatte Groß-Grumpfmumpf eine Wand aus Wattestäbchen am unteren Ende der Heizung gebaut, um die Flusen davon abzuhalten, nach oben zu gelangen. Unglücklicherweise hatte aber Klein-Grumpfmumpf einige Tage zuvor ihren Hut mit der Schraubenmutter fallen lassen. Dieser hatte ein riesiges Loch in die Schutzwand geschlagen.
»Die Wollmäuse können alles verstopfen«, schrie Groß-Grumpfmumpf und hangelte sich wie ein Affe an einigen Wattestäbchen entlang zu seiner Nichte.
Klein-Grumpfmumpf griff nach ihrem Hut und setzte ihn auf. Sie knotete die zwei Bänder, die an der Krempe baumelten, unter ihrem Kinn zusammen. Dann legte sie ihren Gürtel um, der mit Schrauben, Nägeln und anderen Metallgegenständen beschwert war. Sie wollte gerade einige Krümel ihrer Schokoladenkekse einpacken, als ihr Onkel die Hängematte erreichte.
»Los, komm! Wir haben keine Zeit«, sagte Groß-Grumpfmumpf keuchend.
Zitternd reichte ihm Klein-Grumpfmumpf ihre gelbe Pfote. »Ich will hier nicht weg«, erwiderte sie zögerlich. »Da draußen ist es kalt und gefährlich.«
»Hinter der Heizung ist es jetzt noch gefährlicher«, sagte Groß-Grumpfmumpf. »Wenn die Wollmäuse nach oben geblasen werden, kann unser Zuhause zu einer Falle werden. Wir könnten ersticken.«
»Ich will nicht weg«, flüsterte Klein-Grumpfmumpf abermals mit ihrem dünnen Stimmchen. Sie schaute auf einen Stapel Bücher auf den Regalen, die sie sich aus Wattestäbchen gebaut hatte.
Sie war nicht der abenteuerlustigste Grumpfmumpf und kam ungern hinter ihrem Heizkörper hervor. Wenn ihr Onkel Besuch bekam, versteckte sie sich schnell. Sie fühlte sich nicht wohl in der Gegenwart von anderen und blieb lieber in ihrer eigenen Welt und las Geschichten. Über die Jahre hatte sie eine umfangreiche Sammlung an Büchern zusammengetragen. Ihr Onkel hatte ihr sogar ein eigenes Lesezimmer unter den Hängematten eingerichtet. Dort verbrachte sie viel Zeit.
»Hier entlang«, sagte Groß-Grumpfmumpf schnaufend und hangelte sich hektisch an einigen Spinnweben zum Thermostat des Heizkörpers.
Klein-Grumpfmumpf folgte ihm zögerlich. »Warum können die Angestellten des Barons im Schloss nicht öfter saugen?«, fragte sie. »Dann gäbe es keine Wollmäuse, und wir müssten nicht unser Zuhause verlassen.«
»Schloss Holperstein ist einfach zu groß für die wenigen Reinigungshilfen«, erklärte Groß-Grumpfmumpf. Er packte ein Bündel Spinnweben und schwang sich mithilfe von ihm wie an einer Liane zum Thermostat hoch. »Aber wenigstens haben sie bisher nicht die alten Heizkörper ausgetauscht, sonst wären wir längst obdachlos.« Er reichte seiner Nichte die Pfote. »Die modernen Heizkörper sind ganz glatt und haben keine Rippen mehr. Da kann man keine Spinnweben festbinden, geschweige denn dahinter wohnen.«
Groß-Grumpfmumpf zog seine Nichte auf das Thermostat. Dort knotete er eilig einige Spinnweben an ihrem Gürtel fest. Er wickelte die Fäden mehrmals um das Thermostat und befestigte das andere Ende an seinem Gürtel.
»Was machst du da?«, fragte Klein-Grumpfmumpf.
»Ich will sichergehen, dass wir nicht getrennt werden. Ich glaube nämlich, es ist ein Sturm im Anmarsch. Der bläst die Wollmäuse unter den Heizkörper«, sagte Groß-Grumpfmumpf.
Klein-Grumpfmumpfs Herz schlug schneller, und ihre Schnurrhaare vibrierten vor Angst. »Ein Sturm?«, fragte sie.
»Es wird schon alles gut gehen, aber wir müssen für den Ernstfall gewappnet sein«, sagte ihr Onkel. »Wir wollen ja nicht, dass uns das Gleiche passiert wie deinen Eltern.«
Vor vielen Jahren hatte Klein-Grumpfmumpf ihre Eltern in einem Wirbelsturm verloren. Sie war damals noch sehr jung gewesen und konnte sich deshalb nicht mehr genau daran erinnern.
»Da haben wir die Bescherung«, rief Groß-Grumpfmumpf verärgert und zeigte zum Ende der Eingangshalle. Die aus Holz gearbeitete Doppeltür stand weit offen, und Laub wurde in das Schloss hineingeblasen. Es sammelte sich zu einem Haufen auf dem polierten Parkett in der Mitte der Halle. »Die haben die Eingangstür offen gelassen. Jetzt müssen wir auch noch mit Blättern klarkommen, als ob Wollmäuse nicht gefährlich genug sind. Das Ganze kann sich zu einem Monstertornado entwickeln und uns wegblasen.«
»O nein, das ist ja schrecklich!«, sagte Klein-Grumpfmumpf und wimmerte. Sie hätte sich am liebsten in einem Blumentopf verkrochen. Allein die Vorstellung, weggeblasen zu werden, machte ihr sehr große Angst.
Diese Angst löste die Grumpfmümpfʼsche Starre aus. Hierbei wurde der gesamte Körper gelähmt. Man konnte sich davon nur befreien, indem man sich entspannte.
Normalerweise überwanden Grumpfmümpfe diese Lähmung im siebten Lebensjahr, aber Klein-Grumpfmumpf hatte mit zehn Jahren nach wie vor damit zu kämpfen.
Sie seufzte laut. Dann schaute sie in die Halle und beobachtete zwei kleine Grumpfmümpfe in ihrem Alter. Sie huschten hinter ihren Eltern her, um dem Sturm zu entkommen.
Das ist unglaublich! Die beiden haben gar keine Angst, dachte Klein-Grumpfmumpf. Ich würde in der Mitte der Halle wie vom Blitz getroffen stehen bleiben, wenn mich so ein Wirbelsturm jagen würde.
Sie bemerkte, wie der Tornado Laub die breite Schlosstreppe zum ersten Stock hinaufblies. Die Windhose wuchs auf einen Meter an und schleuderte Dreck und Staub in alle Ecken. Für einen ausgewachsenen Grumpfmumpf, der gerade mal so groß wie eine Maus war, hätte das tödlich ausgehen können. Grumpfmümpfe waren sehr leicht, und eine Windhose konnte sie problemlos durch die Luft wirbeln und wegtragen.
Klein-Grumpfmumpf sah zu, wie die Familie es unversehrt durch die Eingangshalle schaffte und hinter dem Treppenaufgang in Richtung Küche verschwand. Die Angst, die sich in Klein-Grumpfmumpf breitgemacht hatte, wurde noch stärker. Sie spürte, wie sich ihre Muskeln zusammenzogen. Sie wollte sich zu ihrem Onkel umdrehen, da war es bereits zu spät. Sie konnte sich nicht mehr bewegen.
»Nicht wieder die Grumpfmümpf’sche Starre.« Groß-Grumpfmumpf seufzte. »Du musst das bald in den Griff bekommen.« Er legte seine Pfote über ihre Augen, sodass sie nichts sehen konnte. Dann sang er beruhigend: »Grumpfmumpflein ging allein in die weite Welt hinein, Gurt und Hut steh’n ihr gut, ist gar wohlgemut …«
Klein-Grumpfmumpf spürte, wie sich ihre Muskeln langsam entspannten und sie ihren Mund wieder bewegen konnte. »Danke, Onkel«, flüsterte sie kleinlaut.
Groß-Grumpfmumpf nahm seine Pfote von ihren Augen und lächelte sie an. »Hoffentlich kommt demnächst jemand und macht die Tür zu.« Er zog den Gürtel seiner Nichte fester. »Pass auf, dass du nicht wieder erstarrst, und prüfe, dass alle Gewichte ordentlich festgeschnallt sind.«
Klein-Grumpfmumpf nickte und kontrollierte ihren Gürtel. Kurz nach ihrer Geburt hatte sie von ihrem Onkel Nägel, Schrauben und andere schwere Dinge aus der Werkstatt des Schlosses geschenkt bekommen. Diese hatte er ihr damals zur Sicherheit an den Gürtel gebunden, denn bei ihrem geringen Körpergewicht hätte sie ein Windzug hinaus in den Schlosspark fegen können.
Deshalb trug Klein-Grumpfmumpf wie alle ihrer Art immer einen Gürtel mit Gewichten und einen Hut, auf dem eine Schraubenmutter befestigt war. Nur zum Schlafengehen legte sie diese Sachen ab, da ein Windstoß nie hinter den Heizkörper hätte gelangen können.
»Können wir nicht wenigstens runter ins Wohnzimmer klettern und uns dort verstecken?«, fragte Klein-Grumpfmumpf.
»Es braucht bloß ein einziger starker Windstoß zu kommen, und die Wollmäuse würden blitzschnell das Wohnzimmer verstopfen«, erklärte Groß-Grumpfmumpf. »Und wenn die Wattestäbchen brechen, dann gibt es kein Entkommen mehr.«
Klein-Grumpfmumpf senkte den Kopf und kuschelte sich an ihren Onkel. Nur in ihrer Hängematte oder in seiner Nähe fühlte sie sich sicher. Niemals hätte sie gewagt, Schloss Holperstein allein zu erforschen. Bis auf den gelegentlichen Ausflug in die Bibliothek und die Küche hatte sie noch keinen anderen Ort besucht. Nicht weil ihr Onkel sie nicht auf seine Reisen in die Gemächer mitgenommen hätte, sondern weil sie schlicht und einfach Angst hatte. Sie drückte ihr Köpfchen in sein Fell und schloss die Augen. Mit etwas Fantasie würde sie sich vielleicht von dem Sturm ablenken können. Sie dachte an ihre flauschige Hängematte und wie schön warm es hinter dem Heizkörper war.
Grumpfmümpfe liebten Wärme, und so war jede Heizung im Schloss bewohnt. Klein-Grumpfmumpfs Familie hatte hinter ihrem Heizkörper viele Generationen gelebt. Sie hatten Spinnweben aus dem gesamten Schloss zusammengetragen und Wattestäbchen aus allen Badezimmern gestohlen, um ein kuschliges Zuhause zu bauen. Die Wattestäbchen hatten sie mit den Spinnweben zusammengebunden und Wände hinter dem Heizkörper gebaut. So hatten sie ein Wohnzimmer mit einer gemütlichen Sitzecke, ein Lesezimmer mit vielen Regalen und eine Speisekammer für Schokoladenkekskrümel geschaffen. Klein-Grumpfmumpf hatte sogar einen begehbaren Kleiderschrank, wo sie ihre Hutsammlung aufbewahrte.
Der schönste Ort von allen war aber ihr Schlafzimmer mit der Hängematte. Klein-Grumpfmumpf konnte sich gut daran erinnern, wie ihr Onkel aus Spinnweben den engmaschigen Stoff dafür gewebt hatte. Sie hatte damals die Zeit genutzt, um sich ein weiches Kissen aus den Fransen eines Teppichs zu machen. Allein die Erinnerung daran reichte aus, dass sie sich entspannte und wohler fühlte. Sie konnte schon fast die flauschigen Fasern des Kissens an ihren Wangen spüren, als trippelnde Geräusche sie aus ihren Gedanken rissen.
»Die versuchen alle zu fliehen«, sagte ihr Onkel überrascht.
Klein-Grumpfmumpf blickte zu den beiden Türen, die sich an den Seiten der Eingangshalle befanden und einen Spaltbreit geöffnet waren. Dutzende Grumpfmümpfe flitzten heraus. Einige trugen Rucksäcke mit sich, während andere Wägelchen, die mit Taschen beladen waren, hinter sich herzogen. Manche hatten sogar ihre Habseligkeiten auf großen Käfern festgebunden, die sie an Zügeln führten.
»Hauen die ab wegen des Sturms?«, fragte Klein-Grumpfmumpf und sah dabei einen ihrer Artgenossen auf einer Riesenkakerlake vorbeireiten. Es dauerte nur drei Sekunden und er war hinter der Treppe in Richtung Küche verschwunden.
»Angsthasen! Die haben keinen Tropfen Tapferkeit in sich«, rief ihr Onkel mit einem verächtlichen Blick. »Die rennen herum wie aufgescheuchte Hühner.«
»Vielleicht sollten wir ihnen folgen«, sagte Klein-Grumpfmumpf. »Hier oben scheinen wir nicht so sicher zu sein.«
»Papperlapapp«, erwiderte Groß-Grumpfmumpf. »Ich werde den Teufel tun, dich solch einer Gefahr auszusetzen.«
Klein-Grumpfmumpf beobachtete, wie Bibliona, die Bibliothekarin der Grumpfmumpfbibliothek, am Treppenabsatz entlanghuschte. Sie zog ein mit Büchern beladenes Wägelchen hinter sich her.
»Aber schau doch! Selbst Bibliona verlässt die Bibliothek«, rief Klein-Grumpfmumpf. »Bist du dir ganz sicher, dass wir hierbleiben sollen?«
Bevor ihr Onkel antworten konnte, hörte Klein-Grumpfmumpf ein Summen hinter sich.
Groß-Grumpfmumpf blickte mit einem panischen Gesichtsausdruck an ihr vorbei.
»O du heiliger Mumpf«, fluchte er und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Das sieht ziemlich gefährlich aus.«
Das Summen kam von oben auf Klein-Grumpfmumpf zu. Panik stieg in ihr auf. Sie hatte diesen Ton schon früher einmal gehört, aber sie konnte ihn nicht einordnen. Sie wusste nur, dass er nichts Gutes bedeutete. Sie wollte gerade hochsehen, als sich ihre Muskeln zusammenzogen. Bevor sie herausfinden konnte, was das Geräusch war, überkam sie die Grumpfmümpf’sche Starre, und sie konnte sich nicht mehr bewegen.
Die Grumpfmümpfe
Abenteuer auf Schloss Holperstein
(Englisch: The Fluffmunches)
– KAPITEL EINS –
WOLLMÄUSE IM ANMARSCH!







