
»Du bist so fett«, sagte Henry. Er blickte von seinem Lieblingsbuch, das vor ihm auf dem Bett aufgeschlagen war, auf und schaute den dicken Kater neben sich an. »Wenn ich dich nur mit irgendwas anderem außer Schokolade und Süßigkeiten füttern könnte.«
Der fettleibige orangenfarbige Kater maunzte kurz und rümpfte die Nase, als ob er Das musst du gerade sagen! von sich geben wollte.
»Ich weiß«, sagte Henry. »Ich bin ja selbst ganz schön fett. Wenn ich nur etwas abnehmen könnte.« Er packte eine seiner Speckrollen an der Taille. Sie schwabbelte hin und her wie ein Wackelpudding. Henry hatte mindestens 15 Kilo Übergewicht und er war sehr unglücklich darüber. Obwohl er schon mehrmals versucht hatte, Gewicht zu verlieren, hatte er es nie geschafft. Aber genau so erging es allen Leuten um ihn herum.
Die Bewohner von Zuckerreich waren alle dick, weil es in diesem Land außer Süßigkeiten und Schokolade keine anderen Lebensmittel gab. In Henrys Heimatstadt Schoko-Locoville war es ganz normal, den ganzen Tag Bonbons zu lutschen. Das Leben drehte sich darum, die besten Süßigkeiten zu produzieren, und keiner wusste, wie man andere Lebensmittel herstellte.
So sehr die Bewohner ihr Gewichtsproblem auch schönredeten und sich selbst als vollschlank, stattlich oder stark gebaut bezeichneten, so war sich Henry trotz seines jungen Alters von nur zehn Jahren bewusst, dass er übergewichtig war. Und er hatte kein Problem, das Unwort fett zu verwenden, wenn er über sich selbst redete.
Henry blickte auf einen Teller mit vielen Schokoladenkeksen, der neben ihm auf dem Bett stand. Er liebte Schokolade, aber er sehnte sich mehr danach abzunehmen, als jeden Tag Süßigkeiten zu essen. »Ich habʼ so einen Hunger«, sagte er und schob die Kekse zu seinem Kater. »Aber ich darf sie nicht essen.«
Der kugelrunde Kater schnupperte kurz an den Keksen und streckte eine seiner Tatzen aus.
»Nur einen Keks«, ermahnte Henry ihn. »Nicht mehr!«
Der Kater machte einen Satz nach vorne und begann den ganzen Haufen Kekse zu verschlingen.
»Tiger, hör sofort auf damit«, schrie Henry. »Ich habʼ dir gesagt Einer, nicht alle.« Henry rettete den Teller aus den Fängen seines Katers und schob ihn zur Seite. »Zieh ab und bewegʼ dich etwas. Das wird dir guttun.« Tiger hüpfte vom Bett, klatschte auf den Boden und verließ den Raum.
Henry las den Titel seines Buches, das noch vor ihm aufgeschlagen lag: Die Mythologie von Schlemmerland. Er blätterte durch die ersten Seiten und las das Vorwort.
Die Geschichte Schlemmerlands liegt im Dunkeln. Niemand weiß, was wirklich geschah. Deshalb basiert dieses Buch nicht unbedingt auf Fakten, sondern ist eher eine Sammlung von Legenden und Geschichten.
Henry liebte es, die Geschichten Schlemmerlands zu lesen, aber im Gegensatz zu dem, was im Vorwort geschrieben stand, war Henry davon überzeugt, dass die Legenden keine Phantasiegeschichten waren. Die Experten in Zuckerreich behaupteten zwar, dass ihre Bewohner die einzigen Menschen auf der Welt seien, aber Henry teilte diese Überzeugung nicht. Für ihn machte es mehr Sinn, dass sie nicht alleine auf der Welt waren. Denn den Legenden zufolge war Zuckerreich nur ein Teil einer Welt namens Schlemmerland, wo viele verschiedene Arten Nahrungsmittel hergestellt wurden. Vier Königreiche regierten über das Land und jedes Reich war für eine Lebensmittelart zuständig. Zuckerreich war nur eines der Königreiche, aber es gab noch Veggington, wo man Pflanzen anbaute und essbare Produkte wie Kartoffeln, Tomaten und Karotten erntete.
Henry versuchte sich immer vorzustellen, wie dieses Gemüse wohl aussah. Aber trotz der genauen Beschreibung im Buch konnte er sich nie so richtig ein Bild davon machen. Und deshalb ließ er seiner Fantasie freien Lauf und stellte sich das Gemüse vor, wie er wollte.
Was ihn aber besonders beeindruckte, waren die süßen Snacks, die eine gesunde Variation von Süßigkeiten waren. Sie wurden Früchte genannt. Eine der Familien züchtete sie an Bäumen und Büschen in einem Reich namens Obstopolis. Henry konnte sich kaum vorstellen, dass man diese süßen Früchte essen konnte, ohne dick zu werden.
Ein lautes Maunzen kam aus dem unteren Stockwerk. Henry blickte von seinem Buch auf und rief laut: »Tiger, ist alles okay?« Aber Tiger gab keinen weiteren Ton von sich.
Henry wendete sich wieder seinem Buch zu und las weiter. Er kam an den Punkt, wo die Knochenbrecherinsel erwähnt wurde. Hier lief ihm immer ein Schauer über den Rücken. Dieser Ort in Schlemmerland wurde von einer Familie bewohnt, die Tiere züchtete. Diese versorgten das Reich mit Nahrung, die alles andere als Süßigkeiten waren.
»Runter vom Tisch, du blöder Kater«, brüllte eine Stimme aus dem Erdgeschoss.
»Reese, lässt du wohl Tiger in Ruhe«, rief Henry laut und schlug das Buch mit einem Knall zu. Dann sprang er vom Bett auf. Er wusste, dass das Zimmermädchen seinen Kater nicht besonders mochte. Als er die Treppe der Villa herunterkam, sah er, wie Reese Tiger mit einem Besen durch das Haus jagte.
»Hör sofort auf!«, sagte Henry.
Die Frau, die rund wie ein Ballon war, ließ ihren Besen fallen. »Ich bitte um Verzeihung, aber ihre Mutter hat mir gesagt, dass ich den Kater nicht auf den Tisch lassen soll.«
»Ist ja okay, aber sie müssen ihn ja nicht gleich mit dem Besen jagen«, sagte Henry. Er nahm Tiger hoch, der zitternd hinter der Couch kauerte. »Wo ist denn meine Mutter heute schon wieder?«
»Sie ist auf der Arbeit in der Schokoladenfabrik«, sagte Reese.
»Aber es ist doch Sonntag«, sagte Henry.
Reese zuckte nur mit den Schultern und warf ihm einen mitleidigen Blick zu.
»Natürlich«, murmelte Henry vor sich hin. Er war nicht wirklich überrascht, dass seine Mutter an einem Sonntag arbeitete. Ihr gesamtes Leben drehte sich nur darum, die beste Schokolade für das Zuckerreich herzustellen. Da sie die einzige Schokoladenherstellerin war, kauften alle Läden in Schoko-Locoville ihre Schokolade. So wurde Henrys Familie zur einflussreichsten im Land. Zwar wurden auch Süßigkeiten in anderen Städten hergestellt, aber keine der Städte produzierte Schokolade. Die Stadt Lollihoven baute Bonbons und Lutscher auf den Feldern an und in Gummibäringten wurden Süßigkeiten in den tief liegenden Zuckerminen abgebaut. Manche Kleinstädte spezialisierten sich auf Fruchtgummiarten, Lakritze oder Karamell. Aber trotz dieser Vielfalt war Schokolade immer noch die beliebteste Nahrung im Zuckerreich und so war Schoko-Locoville wichtiger als alle anderen Städte zusammen.
»Das Frühstück ist fertig. Alles steht im Speisezimmer«, sagte Reese.
»Danke «, sagte Henry. »Wann kommt denn meine Mutter zurück?«
»Sie arbeitet wieder sehr lange«, sagte Reese. »Das ganze Land braucht sie.«
»Ich brauchʼ sie auch«, sagte Henry leise zu sich selbst und seufzte dabei enttäuscht. Dann ging er ins Speisezimmer.
Wenn Vater doch noch am Leben wäre, dachte Henry. Damals teilten sich seine Eltern die Arbeit und seine Mutter hatte mehr Zeit für Henry. Aber jetzt musste sie sich um die gesamte Fabrik kümmern und Henry war nicht mehr die Nummer eins auf ihrer Prioritätenliste.
Henry seufzte noch einmal, als er den großen Tisch im Speisezimmer sah. Er war voll mit Schokoladeneiern, Getränken aus Schokolade, Schokoaufstrichen und allen Sorten von Schokoladenkonfekten.
»Schoko, Schoko, Schoko«, sagte Henry mehrmals. »Ich kann sie nicht mehr sehen.«
Ihm war klar, dass Schokolade die Existenzgrundlage der Familie war und dass er ohne sie nicht so ein angenehmes Leben hätte. Wenn es sie nicht geben würde, müsste er vielleicht wie die Kinder der armen Familien in den Zuckerminen arbeiten. Seine Mutter wäre vielleicht eine einfache Lollipflückerin. Aber trotzdem war er nicht glücklich, denn wenn es diese ganzen Süßigkeiten nicht gegeben hätte, wäre sein Vater vielleicht noch am Leben.
Lange bevor Henry geboren wurde, hatten seine Eltern eine geniale Idee. Damals schwebten Schokoladenwolken über Zuckerreich. Die Menschen folgten den Wolken überall hin und wenn die Sonne schien, schmolz die Schokolade und tropfte runter. Die Menschen fingen die Schokolade in Eimern auf, aber der Hauptanteil landete im Dreck und war verloren.
Henrys Vater zog die Wolken auf sein Grundstück und befestigte sie dort. Dann bauten Henrys Eltern ein Auffangsystem, damit kein Tropfen Schokolade mehr verloren gehen konnte. Ab diesem Zeitpunkt wurde Henrys Familie reich, und sie baute die Lebkuchenvilla, in der Henry aufwuchs. Aber umso reicher die Familie wurde, umso dicker wurde Henrys Vater, und schließlich führte sein Übergewicht zum Tod. Seitdem versuchte Henry so wenig wie möglich Schokolade zu essen, damit er nicht wie sein Vater enden würde. Aber mit Süßigkeiten abzunehmen war sehr schwer.
Henry setzte sich an den großen Tisch. »Ich wünschte, Mami wäre einmal beim Frühstück dabei«, sagte er. Er setzte Tiger auf den Stuhl neben sich und gab seinem Kater ein Gummibärchen. »Ich bin so froh, dass es dich gibt, Tiger. Ohne dich wäre ich ganz allein.« Tiger schnurrte, als Henry ihm den Rücken kraulte. »Wenn Mutti nicht immer diese blöden Privatlehrer anbringen würde, dann hätte ich einige Freunde. Aber nein, sie ist ja der Überzeugung, dass öffentliche Schulen nicht gut genug für mich sind.«
Henry biss in ein Stück Biskuit. Gerade als er zu kauen begann, hörte er einen Schrei in der Lebkuchenvilla.
Reese kam in das Speisezimmer gerannt. »Schnell, das musst du dir anschauen«, sagte sie und winkte Henry zu sich. »Deine Mutter ist draußen mit der gesamten Belegschaft der Fabrik.«
»Warum das denn?«, fragte Henry. Er sprang vom Tisch auf und rannte dem Dienstmädchen hinterher. Henry öffnete die Tür der Villa und trat ins Freie. Ein heißer Luftzug blies ihm ins Gesicht.
Während des Sommers verließen normalerweise die Bewohner von Zuckerreich kaum ihre Häuser. Aber diesmal hatten sich Hunderte um den Hügel, auf dem die Lebkuchenvilla stand, versammelt. Henry erkannte, dass es die Arbeiter aus der Schokoladenfabrik waren. Alles sah ganz normal aus, außer dass sie im grellen Sonnenlicht standen. Irgendwas stimmte nicht. Wo war der Schatten geblieben, den die Wolken normalerweise auf die Farm warfen?
»Oh, wie furchtbar«, rief Reese und blickte in den Himmel.
Henrys Puls begann schneller zu schlagen und Schweiß tropfte von seiner Stirn. Er blickte nach oben zur Sonne.
»Das ist mehr als nur furchtbar«, sagte Henry. »Das ist ein Albtraum. Die riesigen Schokowolken sind verschwunden.«
– KAPITEL EINS –
SCHOKO-LOCOVILLE



