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 Marc Remus

  Children's Book Author

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Leseproben

Bitte gewüschtes Buchcover anklicken, und das erste Kapitel lesen!

over of German young adult book "Die Sprachdiebe" by author Marc Remus

 

Daniel atmete tief ein. Eine Aromamischung aus Waldesduft und Meeresfrische füllte seine Nase. Sein Blick glitt über die bewaldete schottische Küstenlinie zum jadefarbenen Meer, das die Fähre umgab.

   »Alles grün«, sagte er und seufzte. »Ich kann Grün nicht ausstehen.«

   Er nahm sein smaragdfarbenes Basecap ab und schaute sich das Logo auf der Vorderseite an. Kiss me, I’m Irish stand darauf in Englisch geschrieben.

   »Küss mich, ich bin Ire«, las Daniel laut vor. »Mutti, ich werde diese lächerlichen Klamotten nicht mehr anziehen. Du stammst aus Irland, nicht ich. Ich bin aus Arizona.«

   Seine Mutter reagierte nicht, als Daniel entschlossen aufstampfte und das Basecap über die Brüstung ins Wasser schmiss. Dann öffnete er wutentbrannt seinen Rucksack. »Und wo wir schon mal dabei sind«, sagte er und zog zwei limettenfarbene T-Shirts heraus. Eines war mit der irischen Flagge bedruckt, das andere mit einem dreiblättrigen Kleeblatt. »Das ganze Zeug hier brauch ich auch nicht mehr.«

   Der Puls in seinen Schläfen pochte, als er ein Paar Socken mit aufgedruckten irischen Kobolden herauszog. »Mutti, ist das wirklich dein Ernst?« Er rollte die Socken zusammen und kickte sie über Bord. »Schluss mit irischer Folklore.«

   Nachdem er die meisten seiner Sachen ins Wasser geworfen hatte, brüllte er. »Ich bin kein Ire und ich werde nie einer sein. Heute ist mein sechzehnter Geburtstag und ich kann für mich selbst entscheiden, was ich anziehen will und was nicht. Und ich werde von heute an nichts Grünes und nichts Irisches mehr anziehen. Basta! Aus!«

   Dann zog er ein schwarzes Basecap aus dem Rucksack und setzte es auf. »Schwarz ist das neue Grün, Mutti.« Er lächelte, als er sich über die Brüstung lehnte und den Sonnenuntergang betrachtete. »Heute werden wir ein neues Leben in Schottland beginnen und ich werde alles Irische hinter mir lassen.«

   Die Fähre war bereits einige Zeit entlang der schottischen Küste gefahren, doch jetzt bewegte sie sich Richtung Westen auf ein Labyrinth von Inseln zu, das sich vom Ufer bis tief ins Meer ausdehnte. Weit entfernt im Osten befand sich die raue Küste der Highlands. Daniel beobachtete die Sonne, wie sie langsam hinter den Inseln, auf die sie zusteuerten, verschwand.

   Er erinnerte sich an Irland. Die Sommerurlaube in seiner Kindheit hatte er immer bei seinen Großeltern verbracht. Leider hatte er nie ein Wort verstanden, wenn sie sich unterhielten, da sie Irisch-Gälisch und nicht Englisch sprachen. Dann erinnerte er sich an seine Schulzeit in Arizona. Seine Mitschüler machten sich immer lustig über ihn und nannten ihn Troll, da er rote Haare und irische Wurzeln hatte. Daraufhin hatte sich Daniel die Haare schwarz gefärbt und niemanden mehr von seiner irischen Familie erzählt. Die bloße Erinnerung an all das schnürte ihm die Kehle zu.

   Er atmete wieder tief ein und drehte sich zu seiner Mutter um. »Und eines will ich noch klarstellen: Ich werde nie mehr mit dir Irisch sprechen und diese Sprache selbst werde ich auch nicht mehr erwähnen«, sagte Daniel. »Niemand außer den Iren nennt die Sprache sowieso Irisch. Alle nennen sie Gälisch. Die meisten wissen ja noch nicht mal, dass es eine eigene Sprache ist.«

   Er blickte tief in die grünen Augen seiner Mutter. Sie starrte durch ihn hindurch, als ob Daniel kein einziges Wort gesagt hätte. Ihr Gesichtsausdruck war wie versteinert und das bereits seit zwei Jahren.

   »Mutti«, sagte Daniel ganz leise. »Bitte sag was!« Er kniete sich vor den Rollstuhl seiner Mutter. »Ich weiß nicht, ob du mich überhaupt hören kannst, aber Vati und ich werden sich um dich kümmern.«

   Er legte seinen Kopf in ihren Schoß und Tränen liefen seine Wangen herunter. Seine Mutter blinzelte nicht ein einziges Mal. Sie hatte eine Lähmung oder zumindest etwas Ähnliches. Die Ärzte waren nicht in der Lage, die Ursache ihrer plötzlichen Krankheit zu diagnostizieren. Sie war unerwartet aufgetreten und machte Daniels Mutter völlig teilnahmslos.

   »Bitte sag was«, wiederholte Daniel. Er hämmerte gegen den Rollstuhl und ließ all seinen Frust an ihm aus. Aber seine Mutter reagierte nicht.

   Erschöpft sank Daniel zu Boden und lehnte sich gegen den Rollstuhl. In Arizona hatte die Krankenversicherung seines Vaters eine Hilfskraft organisiert, die sich um alles gekümmert hatte. Trotzdem war es anstrengend und herzzerreißend zugleich für Daniel jeden Tag aus der Schule nach Hause zu kommen und den leeren Gesichtsausdruck seiner Mutter zu sehen.

   Niemand verstand wirklich, was geschehen war. Abends war seine Mutter völlig in Ordnung gewesen, doch am nächsten Tag war sie wie eine stumme, bewegungslose Statue. All das geschah zur selben Zeit, in der sein Vater überraschenderweise vom Krebs geheilt wurde. Er behauptete, dass dies ein Zufall war und die beiden Ereignisse nichts miteinander zu tun hätten. Daniel glaubte ihm aber nicht. Sein Vater schaute ihm nie direkt in die Augen, wenn er darüber redete. Daniel war überzeugt, dass sein Vater etwas vor ihm verbarg, aber da er nicht darüber sprechen wollte, setzte Daniel ihn nicht unter Druck.

   »Beidh mé togha«, sprach eine sanfte Stimme in Gälisch.

   Daniel sprang auf. Sein Herz raste wie ein Schnellzug. Hatte seine Mutter etwas gesagt? Er packte sie bei den Schultern und schüttelte sie ganz sanft. »Hast du gerade Alles ist in Ordnung auf Gälisch gesagt?« Aber seine Mutter öffnete ihren Mund nicht.

   Die Stimme ertönte wieder: »A Mhamó, is ag dul chun cónaí in Albain atá mé, ní ar an ngealach.« Daniel drehte sich um. Es war nicht die Stimme einer Frau, die er hörte, sondern die eines Jungen. Wer zum Teufel sprach Irisch-Gälisch auf einer kleinen Fähre, die zu einer einsamen schottischen Insel fährt? Die ganzen letzten Jahre hatte er nicht ein einziges Mal Gälisch gehört. Und gerade jetzt, wo er sich von der Sprache befreien wollte, benutzte sie jemand.

   »Tá Mamaí liomsa. Ná bíodh imní ort!«, sagte der Junge.

   Daniel schüttelte den Kopf. Bildete er sich das alles nur ein? Er folgte der Stimme einige Meter bis zu einer Trennwand und schaute um sie herum.

   Ein Junge mit braunen lockigen Haaren in seinem Alter lehnte sich gegen die Brüstung im Heck des Schiffes. Obwohl es schon August und der Abend nicht so kalt war, trug der Junge einen dicken Mantel und eine Bommelmütze. Er telefonierte mit seinem Handy. Daniel verstand jedes Wort, das der Junge in Gälisch redete.

   »Mami hat einen neuen Job hier in einem Dorf in Schottland bekommen«, sagte der Junge. »Oma, weißt du, wir werden die nächste Zeit erst mal nicht zurück nach Irland kommen.« Der Junge kletterte auf die Brüstung und setzte sich darauf. »Wir kommen gleich in Inverdee an. Ich muss jetzt wirklich los. Tschüss, Oma.« Er legte auf und steckte das Handy in die Manteltasche. Dann drehte er sich um und schaute auf das Meer hinaus, wo gerade die Sonne hinter den Inseln verschwand.

   Daniel war hin- und hergerissen, ob er den Jungen ansprechen oder versteckt bleiben sollte. Einerseits hatte er sich geschworen, dass er sich nicht mehr mit irischen Dingen beschäftigen würde, anderseits war es sehr ungewöhnlich, auf jemanden zu treffen, der Gälisch sprach.

   Er erinnerte sich wieder daran, wie seine Mitschüler ihn mit Troll beschimpft und ihn ausgelacht hatten. Nein, er wollte nie wieder etwas mit seinem alten Leben zu tun haben. Und so blieb er hinter der Trennwand versteckt.

   Daniel wollte gerade zurück zu seiner Mutter gehen, als sich eine der Türen zum Autodeck öffnete und eine zwei Meter große Gestalt mit einem schwarzen Umhang über das Deck huschte. Daniel wunderte sich über die merkwürdige Kleidung. Wer würde so einen Umhang heute noch tragen? Er beobachtete, wie die Gestalt sich dem Jungen leise von hinten näherte. Daniel konnte erkennen, dass es ein Mann war. War er ein Freund? Wollte er dem Jungen einen Streich spielen und ihm einen Schreck einjagen? Oder war der Mann eine ernsthafte Gefahr?

   Daniel beobachtete, wie die verhüllte Gestalt nach vorne sprang und den Jungen packte. Der Junge versuchte zu schreien, aber der Mann presste seine Hand auf den Mund des Jungen und hielt ihn fest im Griff.

   Daniel spürte, wie sein ganzer Körper vor Panik zitterte. Dies hier war kein Spiel. Es war ein Angriff. Er wollte schreien, aber er brachte keinen Ton heraus. Was sollte er tun? Sollte er aus seinem Versteck kommen und dem Jungen helfen? Daniel hätte keine Chance gegen so einen riesigen Mann. Sollte er ganz still abwarten?

   Während Daniel versuchte eine Entscheidung zu treffen, zog der Mann einen ovalen Stein unter seinem Umhang hervor. Er drückte ihn gegen die Stirn des Jungen, der mit all seiner Kraft um sich schlug.

   Und dann geschah etwas Seltsames. Der Stein begann in einem dunklen Türkis zu glimmen. Eine Seifenblase, so groß wie ein Tennisball, formte sich direkt vor dem Mund des Jungen. Er schloss seine Augen, als ob er einschlafen würde, und sein Mund öffnete sich. Die Seifenblase heftete sich an seine Lippen und wuchs auf die doppelte Größe an. Dann verwandelte sie sich in eine durchsichtige Kugel.

   Daniel beobachtete fasziniert, wie eine Art Nebel aus dem Mund des Jungen wich und in die Kugel wanderte. Der Nebel leuchtete von innen grün und wirbelte wie ein Minitornado in der Kugel. Daniel traute kaum seinen Augen, als sich die Kugel von den Lippen des Jungen löste und in der Luft schwebte. Was war hier los? War dies ein Versteckter-Kamera-Scherz oder irgendein Straßenspielertrick?

   Bevor Daniel darüber nachdenken konnte, passierten zwei Sachen direkt hintereinander. Der Mann ließ den Jungen los, dieser wachte auf und stürzte über die Reling ins Meer.

   Daniel schrie und sprang hinter der Trennwand hervor. Im gleichen Moment bedauerte er, was er getan hatte. Der Mann mit dem Umhang starrte ihm geradewegs in die Augen. Jetzt konnte Daniel sein Gesicht genau erkennen. Seine hervortretenden Wangenknochen und seine Schläfen waren mit winzigen Buchstaben tätowiert, die den gesamten Hals bedeckten. Unter seinen buschigen Augenbrauen blickten seine stechenden schwarzen Augen Daniel durchdringend und bedrohlich an.

   Daniel wusste, dass er keine Chance gegen diesen Mann hatte. Die einzige Möglichkeit, den Jungen vor dem Ertrinken zu bewahren, war die Aufmerksamkeit anderer Reisender auf der Fähre zu gewinnen.

   »Hilfe, Hilfe!«, schrie Daniel so laut er nur konnte. »Haltet die Fähre an! Jemand ist über Bord gegangen.«

   Panik machte sich im Gesicht des Mannes breit. Er ließ den glimmenden Stein fallen. Das Licht im Innern erlosch sofort. Ohne Daniel einen weiteren Blick zuzuwerfen, flüchtete der Mann in die Richtung, aus der er gekommen war. Er riss die Tür zum Autodeck auf und verschwand.

   Die Fähre kam zum Stillstand. Die Besatzung hatte wohl Daniels Hilferufe gehört. Daniel rannte zur Brüstung. Als er sehen wollte, wie es dem Jungen ging, stolperte er über den Stein, den der Mann fallen gelassen hatte. Daniel hob ihn auf.

   »Hilfe!«, rief der Junge aus dem Wasser.

   Daniel steckte den Stein ein und lehnte sich über die Brüstung. Der Junge war bereits fast hundert Meter entfernt. Er schwamm auf die Fähre zu.

   Daniel nahm den Rettungsring und warf ihn dem Jungen zu. »Cuideoidh mise leat«, rief Daniel. »Beir ar an tarrthálaí.«

   »Was willst du?«, brüllte der Junge. »Ich versteh deine Sprache nicht.«

   »Beir ar an tarrthálaí«, rief Daniel noch mal. Er wunderte sich, warum der Junge plötzlich kein Gälisch verstand.

   »Ich versteh dich nicht«, sagte der Junge nochmals und schwamm auf den Rettungsring zu.

   »Halte dich an dem Ring fest«, sagte Daniel. »Ich werde—«

   Ein Rauschen hinter ihm unterbrach ihn. Daniel schaute über seine Schulter nach hinten.

   Die Kugel schwebte noch immer einige Meter entfernt über dem Deck. Daniel wollte sich gerade wieder zu dem Jungen umdrehen, als ein Energiestoß durch seinen ganzen Körper ging. Er war so stark, dass Daniel sich am Geländer festhalten musste. Er versuchte sich auf den Jungen im Wasser zu konzentrieren, aber er schaffte es nicht. Die Kugel strahlte eine Art Energie aus. Daniel schüttelte seinen Kopf und hoffte, er würde dadurch wieder klar denken können, aber es funktionierte nicht. Er war wie betrunken. Ein weiterer Energiestoß schoss durch seinen Körper und er ließ vom Geländer ab. Er versuchte dagegen anzukommen, aber die Energie war zu stark. Wie an einem unsichtbaren Faden drehte er sich um und lief direkt auf die Kugel zu.

   Daniel sah, wie der Minitornado im Innern herumwirbelte. Daher war also das Rauschen gekommen, das er zuvor gehört hatte. Es war beruhigend. Er schüttelte wieder seinen Kopf und versuchte zu dem Jungen zurückzugehen. Aber er schaffte es nicht. Irgendetwas zog ihn Schritt für Schritt nach vorne.

   »Ich muss ihn retten«, murmelte Daniel und versuchte sich von der Energie zu befreien. Aber plötzlich schien nichts mehr um ihn herum wichtig zu sein. Er wollte nur noch die Kugel berühren und so blieb er einige Zentimeter vor ihr stehen.

   Die Kugel schien aus einer Art dickem Glas zu bestehen, aber ihre Oberfläche war elastisch wie ein aufblasbarer Wasserball für Kinder. Der Nebel im Innern wurde von der Mitte aus beleuchtet. Es sah aus, als ob eine Laterne im Auge eines Tornados schweben würde. All das war sehr merkwürdig, aber das Merkwürdigste waren die Buchstaben. Im Zentrum formten sich Wörter. Es waren dreidimensionale Objekte, die wie aus Glas geblasen aussahen.

   Daniels Nase berührte fast die Kugel, als er versuchte, die Wörter zu lesen. Erschrocken stellte er fest, dass es gälische Wörter waren. Jedes Wort entwickelte sich aus einem winzigen Ball, der wie eine kleine zusammengerollte Kellerassel aussah. Diese Bälle wurden in dem Strudel grünen Lichts nach außen gewirbelt. Auf dem Weg öffneten sie sich und wurden größer, bis sie ganze Wörter bildeten. Sobald sie die glasartige Hülle der Kugel berührten, lösten sie sich auf und neue Wörter folgten ihnen. Es war ein faszinierender Kreislauf, der sich ständig wiederholte.

   Daniel war wie betäubt von der Miniaturwelt in der Kugel. Niemals zuvor hatte er etwas Ähnliches gesehen. Die Kugel schwebte friedvoll über dem Deck, so wie der Mond im Himmel schwebte.

   Verzaubert von dem magischen Spiel griff Daniel nach der Kugel und berührte sie mit nur einem Finger.

Die Sprachdiebe 
(Englisch: The Language Thieves)

– KAPITEL EINS –
KISS ME, I’M IRISH

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