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 Marc Remus

  Children's Book Author

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Leseproben

Bitte gewüschtes Buchcover anklicken, und das erste Kapitel lesen!

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Die Grenze zwischen Realität und Fantasie hat viele Formen. Sie kann breit oder schmal sein, farbenfroh oder blass, kurvig oder gerade, verschwommen oder scharf. Sie verändert sich ständig.

 

Der Geruch nach verkohltem Holz riss Holly aus einem unruhigen Schlaf auf dem trostlosen Dachboden. Irgendetwas brannte. Mit klopfendem Herzen fuhr sie von der modrigen Matratze hoch, eilte zum Fenster und stieß es auf.

   Rauch drang sofort in den Raum und füllte die Luft mit dichtem Nebel. Holly hustete, strich sich die Haare aus dem Gesicht und blickte in die Nacht hinaus. Es brannte tatsächlich. Die Flammen loderten nicht weit entfernt, irgendwo in der Nähe von Großvater Nikolas’ Haus. Was, wenn ihm etwas zugestoßen war?

   Panik stieg in ihr auf. Sie drehte sich um und rannte zu der Treppe, die vom Dachboden nach unten führte. Vollgestopfte Regale liefen an beiden Seiten der Treppe entlang. Alte Farbeimer, rostige Laternen, Körbe mit Weihnachtsschmuck und unzählige nutzlose Dinge türmten sich darin. Mit einem kräftigen Stoß beförderte sie einen Farbeimer zur Seite und griff nach einem Fernglas, das dahinter lag. Dann hastete sie zurück zum Fenster.

   Dichte Rauchschwaden schlugen ihr entgegen. Holly hustete und wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht. Sie setzte das Fernglas an und richtete es auf die Pappenheimer Straße. Die Flammen loderten hinter dem Haus von Frau Hubbleworth, der neugierigen Nachbarin. Rauchwolken verdunkelten den Himmel, doch wo genau das Feuer ausgebrochen war, blieb unklar.

   »Ich muss alle warnen«, flüsterte Holly und schnappte nach Luft.

   Sie lief zu ihrem Rucksack neben der Matratze und ließ das Fernglas hineinplumpsen. Dann nahm sie ihre Jacke, warf den Rucksack über die Schulter und rannte die steile Dachbodentreppe hinunter. Zu ihrer Überraschung hatten die Smoralls, ihre Pflegeeltern, die Tür am Abend zuvor nicht abgeschlossen.

   Holly stürmte die Marmorstufen der luxuriösen Villa hinunter und riss die Küchentür auf. »Es brennt!«, rief sie keuchend.

   Auf einem Küchenstuhl thronte ein rothaariges Mädchen, das genüsslich an einem Turm aus Schokoladenkeksen knabberte. Es war Barb, die Tochter der Smoralls. Mit dreizehn war sie nur zwei Jahre älter als Holly, aber mindestens doppelt so schwer. Ihr Gesicht war übersät mit unzähligen Sommersprossen, die wie Kakaopulver auf einem Pfannkuchen verstreut lagen. Die platte Nase und ihr überheblicher Blick erinnerten an einen schlecht gelaunten Orang-Utan im Zoo.

   »Mami, die Niete ist wieder vom Dachboden abgehauen«, rief Barb mit vollem Mund, ohne Holly eines Blickes zu würdigen.

   Eine dürre Frau, die gerade Teig knetete, drehte sich um und schaute Barb an. Ihr dürrer Körper wurde fast vollständig von einer riesigen Schürze verhüllt. Mit einem missbilligenden Schnauben klatschte sie den Teig auf den Küchentisch und wischte sie sich die Hände an der Schürze ab.

   »Was hast du hier unten zu suchen?«, zischte sie und lief durch die Küche. Ihre Schritte hallten dabei bedrohlich. Mit ihrem knochigen Zeigefinger stieß sie Holly fest gegen die Brust. »Ich habe dir nicht erlaubt, den Dachboden zu verlassen.« Ohne Vorwarnung packte sie Holly am Ohr und zog kurz, aber heftig daran.

   »Es tut mir leid«, rief Holly und wimmerte.

   Frau Smorall beugte sich zu ihr. Ihre krumme Nase war nur wenige Zentimeter von Hollys Gesicht entfernt und ihre Augen funkelten kalt.

   »Frau Smorall, Es brennt in der Stadt! Vielleicht ist jemand in Gefahr.«

   »So eine Niete«, spottete Barb hinter ihrer Mutter.

Hollys Pflegemutter drehte sich zur Seite und schaute ihre Tochter an, die sich gerade zwei Kekse gleichzeitig in den Mund schob.

   »Rat mal, was Herr MacMillan letzte Woche gesagt hat?«, fragte Barb.

   Frau Smorall richtete sich wieder auf, zog ihre dünnen, messerscharfen Augenbrauen hoch und lächelte. »Was hat euer Lehrer denn gesagt, Schatzilein?«

   »Holly hat einen Strich mit zwei Kreisen gezeichnet und behauptet, das sei ein fliegender Hase in einer magischen Kutsche«, rief Barb und prustete los, sodass Krümel über den Tisch flogen.

   Frau Smorall brach in schallendes Gelächter aus. »Ein fliegender Hase? Wie peinlich!« Sie blickte Holly an. »Du hast wirklich null künstlerisches Talent.«

   Eine tiefe Stimme hallte aus dem Flur: »Wer hat kein Talent?« Ein stämmiger, rothaariger Mann mit demselben Orang-Utan-Gesicht wie Barb schlenderte in die Küche. Ohne Eile steuerte er auf den Kühlschrank zu und öffnete ihn.

   Frau Smoralls Lächeln gefror für einen Moment. »H-H-Herbert! Du bist schon da«, stammelte sie mit nervösem Unterton.

   »Ich bin heute früher raus«, antwortete Herr Smorall gleichgültig. Er griff nach einer Dose Cola, öffnete sie mit einem Zischen und schmiss die Kühlschranktür wieder zu. Dann drehte er sich zu Barb um. »Und wie geht es meinem Engelchen?«

   Frau Smorall nutzte den Moment, um Holly mit einem Ruck in den Flur zu schieben. »Wage es ja nicht noch einmal nach unten zu kommen, oder ich lasse dich die gesamte Villa mit einer Zahnbürste schrubben«, zischte sie

   Sie zog ein weiteres Mal an Hollys Ohr, ließ es dann los und gab ihr einen kräftigen Schubs. Holly stolperte rückwärts, hielt sich das schmerzende Ohr und sah ihre Pflegemutter an. Es bestand kein Zweifel: Frau Smorall würde ihre Drohung wahr machen. Holly musste ohnehin schon alle Hausarbeiten in der Villa erledigen. Dabei fand Frau Smorall immer neue Wege, ihr zu zeigen, wie unerwünscht sie war. Warum sie das tat, war Holly ein Rätsel.

   »Zurück auf den Dachboden, aber sofort!«, fauchte Frau Smorall. Dann knallte sie die Küchentür zu.

Holly biss die Zähne zusammen, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Anstatt die Marmortreppe hinaufzugehen, lief sie zur Haustür, drückte sie auf und rannte hinaus in die Piddlehinton Straße.

   Sie wusste, dass es Ärger geben würde, weil sie das Haus verlassen hatte. Doch das war ihr in diesem Moment egal. Viel wichtiger war herauszufinden, ob Großvater Nikolas in Sicherheit war.

   Der scharfe Geruch von verbranntem Holz hing in der kalten Nachtluft, während Holly in der Ferne die flackernden Flammen sah. Sie rannte schneller. Gerade als sie an Frau Hubbleworths Haus vorbeikam, hörte sie das Geräusch hastiger Schritte auf dem Pflaster.

   Ein Junge in Hollys Alter kam um die Ecke geschossen, rutschte auf dem nassen Boden aus und schlitterte um eine Straßenlaterne. Mit einem lauten Platschen landete er kopfüber in einer Schlammpfütze.

   Holly blieb stehen und starrte ihn an.

   Der Junge richtete sich fluchend auf und wischte hastig sein Gesicht an einer trockenen Stelle seines Rollkragenpullovers ab. Dann schaute er mit panischem Blick in Richtung der Flammen.

   »Brian!«, rief Holly und lief zu ihm hinüber. »Alles okay bei dir?«

   Brian nickte, während er den Schlamm von seinen Händen abschüttelte. »Alles paletti«, sagte er atemlos. »Hast du schon gesehen? Das Feuer ist in dem Haus, in dem dein Großvater sein Atelier hat.«

   »Ich weiß.« Hollys Herz schlug so heftig, dass es ihr fast die Luft abschnitt. Wenn ihrem Großvater Nikolas etwas passiert war, hätte sie überhaupt keine Familie mehr. Er war der einzige richtige Verwandte, und sie durfte ihn noch nicht einmal besuchen, weil in der Nachbarschaft das Gerücht umging, er betreibe magische Rituale.

   Trotzdem dachte sie jeden Tag an ihn.

   »Los, komm«, sagte Brian. »Wir müssen nachsehen, was passiert ist.«

   Sie rannten los, den beißenden Rauch in der Nase und die flackernden Flammen im Blick. Als sie das Atelier erreichten, hatten sich bereits Hunderte Menschen auf der Straße versammelt. Sie standen Schulter an Schulter und beobachteten das brennende Gebäude. Flammen fraßen sich durch die Fenster, Funken stoben in die Nacht, und der Himmel färbte sich glutrot. In der Ferne heulten Sirenen. Die Feuerwehr war auf dem Weg.

   »Das Atelier ist im obersten Stock. Ich muss ihn da rausholen«, presste Holly mühsam hervor. Panik hatte ihr die Kehle zugeschnürt, und das Sprechen fiel ihr schwer.

   Sie wollte losrennen, da hielt Brian sie am Arm zurück.

   »Du kannst nicht ins Haus«, sagte er ernst und zeigte auf die Menge vor dem Gebäude. »Sieh doch, alle haben es rechtzeitig rausgeschafft. Dein Großvater bestimmt auch.«

   »Und wenn nicht …?«, setzte Holly an.

   Bevor sie den Satz beenden konnte, unterbrach sie eine spöttische Stimme hinter ihr.

   »Dann wär’s auch kein großer Verlust.«

   Holly drehte sich um. Vor ihr stand eine schrumpelige Dame, deren Gesicht unter einer dicken Schicht pinkfarbener Schminke fast wie eine Maske wirkte.

   »Frau Hubbleworth«, hauchte Holly und stöhnte.

   Auf dem hochgesteckten blonden Haar der alten Dame thronte ein Strohhut, geschmückt mit rosa Bommeln, die bei jeder Bewegung wie die Kugeln an einem überladenen Weihnachtsbaum schwankten. In Kombination mit dem pinkfarbenen Gesicht, dem steifen Hals und dem stolz gereckten Kinn erinnerte sie auf unheimliche Weise an einen Plastikflamingo aus dem Gartenbedarf.

   Holly beugte sich zu Brian und flüsterte: »Da ist er schon wieder: unser wandelnder Flamingo.«

   Brian schnaubte leise. »Fehlt nur noch, dass sie auf einem Bein steht.«

   »Ich wusste es!«, rief Frau Hubbleworth triumphierend, ohne auf Hollys Kommentar zu reagieren. »Das Feuer hat sich der alte Kauz bestimmt selbst eingebrockt. Der ist doch völlig durchgeknallt. Wie alle Künstler. Kein Wunder, dass das Gericht entschieden hat, dich von ihm zu trennen.«

   Holly spürte, wie sich Wut in ihr breitmachte. »Großvater Nikolas ist nicht durchgeknallt«, entgegnete sie. »Er ist sehr kreativ und malt wunderschöne Bilder. Das Gericht hat mich bloß von ihm getrennt, weil jemand Lügen über ihn verbreitet hat.«

   »Wahrscheinlich waren Sie das, Frau Hubbleworth«, warf Brian ein. Seine Stimme klang schneidend. »Jeder weiß, dass Sie Kinder nicht ausstehen können. Lassen Sie uns doch einfach in Frieden.«

   »Brian Findley!« Frau Hubbleworth schnaubte. »Ganz genau! Ihr seid nichts als kleine Nervensägen.« Sie hob das Kinn und sah verächtlich auf die beiden herab, als wolle sie sie mit ihrem Blick vernichten. »In dem Atelier deines Großvaters geht es nicht mit rechten Dingen zu«, zischte sie. »Man hätte ihn besser gleich eingesperrt, statt ihn bloß von Holly zu trennen.«

   Holly ballte ihre Hände zu Fäusten. Am liebsten hätte sie Frau Hubbleworth etwas entgegengeschleudert. Stattdessen zwang sie sich zur Ruhe.

   In Donkleywood gab viele Gerüchte über ihren Großvater, doch Holly hatte ihnen nie Bedeutung beigemessen. Trotzdem wusste sie, dass Frau Hubbleworth alles verachtete, was nicht in ihr kleines, geordnetes Weltbild passte. Besonders Magie. Dass sie an den Gerüchten beteiligt war, daran zweifelte Holly nicht.

   Brian legte Holly beruhigend eine Hand auf den Arm. »Komm«, sagte er leise und zog sie fort von der aufgebrachten Menge hinüber in einen kleinen Park gegenüber der Brandstelle, der von Straßenlampen erleuchtet war.

   Holly stellte ihren Rucksack auf dem Boden ab, holte das Fernglas heraus und kletterte auf eine Parkbank, um einen besseren Blick zu bekommen. Sie richtete das Fernglas auf das oberste Stockwerk, wo die Flammen heftig wüteten.

   »Ich muss mal kurz wohin«, sagte Brian.

   Holly setzte das Fernglas ab und sah Brian in den Park laufen. »Wohin willst du denn?«, rief sie irritiert.

   »Na, wohin wohl?«, antwortete er und deutete mit einem vielsagenden Blick auf die Büsche. »Bei all dem Wasser, das die Feuerwehr gleich verspritzen wird, meldet sich meine eigene Sprinkleranlage.«

   Holly zog eine Augenbraue hoch. »Du willst in einem öffentlichen Park in die Büsche machen? Im Ernst?«

   »Die Natur ruft«, sagte Brian und legte sich dramatisch die Hand auf die Brust. »Und wer bin ich, ihren Ruf zu ignorieren?«

   Kopfschüttelnd wandte Holly sich wieder dem brennenden Haus zu und suchte durch das Fernglas die Menge ab, die sich vor dem Gebäude versammelt hatte. Großvater Nikolas konnte sie allerdings nirgends entdecken. Zitternd setzte sie das Fernglas ab und sah sich um. Wo blieb Brian? So lange konnte er doch nicht brauchen.

   Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit im Park. Schließlich fand sie Brian hinter einem Busch. Er hob eine Hand, legte den Finger an die Lippen und zeigte auf eine knorrige Eiche ein Stück weiter hinten.

   Holly nahm das Fernglas und richtete es auf den Baum, der etwa zwanzig Meter entfernt stand. Zwischen den verschlungenen Ästen regte sich etwas. War es eine Krähe? Oder vielleicht eine Katze? Es war zu dunkel, um eindeutig etwas zu erkennen.

   Sie drehte das Fernglas um, rieb die beschlagenen Linsen hastig mit ihrem Pullover sauber und schaute erneut durch. Die Umrisse im Geäst wurden schärfer. Drei Augenpaare blickten sie direkt an.

   »Krähen«, murmelte Holly.

   Sie wollte das Fernglas schon wieder absetzen, als eine Flamme vom brennenden Haus den Himmel erhellte. Für einen kurzen Augenblick war die Baumkrone erleuchtet, als würde jemand einen Scheinwerfer auf eine Bühne richten.

   Holly schnappte nach Luft. Das waren keine Krähen. Ihr wurde schwindelig. Das Fernglas glitt aus ihren Händen. Sie verlor das Gleichgewicht und stürzte von der Bank. Keuchend lag sie am Boden und starrte in den Himmel.

   »S-S-Seepferdchen?«, stammelte sie, während ihr Herz wild gegen ihre Rippen schlug.

   Hatte sie wirklich fliegende Seepferdchen gesehen?

   Holly setzte sich auf und tastete nach dem Fernglas. Ihre Finger zitterten. Sie hielt es erneut vor ihre Augen und stellte es scharf. Was sie dann sah, raubte ihr den Atem.

   Drei Seepferdchen, so groß wie Katzen, schwebten in der Baumkrone. Es waren keine normalen Seepferdchen. Ihre ledrigen Schwänze waren mit langen silbernen Nadeln gespickt. Ihre Körper steckten in rostigen Metallrüstungen, und auf den Köpfen trugen sie Helme, aus deren Öffnungen Rauch quoll. Ihre hervorstehenden Glubschaugen fixierten Holly, als wüssten sie genau, dass sie beobachtet wurden.

   Holly senkte das Fernglas und schaute zu Brian, der sich vorsichtig durch das Gebüsch an die Eiche heranpirschte. Gerade als er den Stamm erreichte, bemerkte sie eine weitere Bewegung im Halbdunkel. Ihr Herz schlug schneller. Sie hob das Fernglas wieder und suchte nach der Quelle der Unruhe.

   Hinter dem Baum stand ein kleiner, kahlköpfiger Mann. Sein Gesicht war mit Pockennarben übersät, ein schmaler schwarzer Schnurrbart zog sich über seine Oberlippe. Eine fleischige Narbe umrundete seinen unnatürlich lang gezogenen Schädel wie ein Kranz. Über seinen Schultern hing ein lilafarbener Umhang mit einer steifen Halskrause, darunter trug er Samthosen, die in Stiefeln endeten, deren Spitzen sich wie kleine Schneckenhäuser nach oben kringelten.

   Holly hatte noch nie eine so sonderbare Gestalt gesehen. Sie wirkte, als wäre sie direkt einem alten Gemälde entsprungen, das einen zeremoniellen Hofzauberer aus längst vergangenen Zeiten zeigte. Leise murmelte der Mann Worte vor sich hin und zeigte immer wieder auf die unheimlichen Seepferdchen in der Baumkrone.

   Holly sah, wie sich Brian noch näher an ihn heranschlich. Sie hielt den Atem an, das Fernglas fest vor den Augen.

   Eine weitere Flamme schoss aus dem brennenden Gebäude. Sie warf einen grellen Schein in den Park und enthüllte etwas, das Holly das Blut in den Adern gefrieren ließ.

   Hinter dem seltsamen Mann war eine riesige Gestalt aufgetaucht. Über zwei Meter groß, ganz in einen schwarzen Umhang gehüllt, das Gesicht verborgen unter einer tief sitzenden Kapuze. Keine Haut war zu sehen. Nur Dunkelheit. Die Erscheinung strahlte eine derart bedrohliche Präsenz aus, dass Holly eine Gänsehaut bekam. Sie erinnerte sich unwillkürlich an den Sensenmann aus den düsteren Märchen, die sie als kleines Kind geängstigt hatten.

   Wer waren diese Leute? Hatten sie etwas mit dem Feuer zu tun?

   Brian winkte ihr wild zu.

   Holly sprang auf und schlich von Busch zu Busch in Richtung der Eiche. Schließlich erreichte sie Brian.

   »Wer ist das?«, flüsterte sie.

   »Keine Ahnung«, entgegnete er, ohne den Blick von der Baumkrone zu nehmen. »Ich glaube, sie wollen die fliegenden Seepferdchen fangen.« Er zeigte nach oben, wo die gepanzerten Kreaturen immer noch zwischen den Ästen schwebten.

   »Denkst du, diese Wesen haben was mit dem Feuer zu tun?«, fragte Holly. »Vielleicht sind sie Brandstifter.«

   Brian zuckte mit den Schultern. »Geh und belausch sie. Vielleicht findest du es raus.«

Holly nickte zögernd, dann kroch sie vorsichtig näher an die Eiche heran. Sie hielt sich so tief wie möglich und lugte schließlich hinter einem Baumstamm hervor. Die Stimmen wurden klarer.

   »Uns läuft die Zeit davon«, sagte der Mann mit der Narbe in einem rauen Ton »Wir müssen den Gindar finden.«

   Die riesige, vermummte Gestalt hinter ihm nickte.

   Gindar? Holly runzelte die Stirn. Dieses Wort hatte sie noch nie zuvor gehört.

   »Wir müssen die Seepferdchen zurückbringen«, fuhr der Mann fort, »und wir müssen Holly O’Flanigan finden. So schnell wie möglich.«

   Holly presste sich ihre Hand auf den Mund, um einen erschrockenen Laut zu unterdrücken. Warum suchten diese seltsamen Gestalten ausgerechnet sie? Sie war niemand Besonderes. Sie besaß nichts Wertvolles und hatte kein Geheimnis, kein Wissen, keinen Schatz. Oder doch?

   Bevor sie diesen Gedanken zu Ende bringen konnte, gellte plötzlich ein markerschütternder Schrei durch die Nacht. Die Stimme war Holly so vertraut, dass sie herumfuhr und wie vom Blitz getroffen innehielt.

   Ein einziger Blick reichte aus.

   Voller Panik krabbelte sie zurück zu Brian, sprang auf und stürmte aus dem Park. Hinter sich hörte sie seinen verwirrten Ruf, doch sie reagierte nicht. Ihr ganzer Fokus war auf das brennende Gebäude gerichtet.

   Und dann blieb sie wie angewurzelt stehen.

   Auf dem Dach des brennenden Hauses war ihr Großvater. Feuer fraß sich durch die Balken unter seinen Füßen. Glut stieg auf, und Rauch schlängelte sich um seine Beine.

   Holly öffnete den Mund, allerdings kam kein Ton heraus. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

   »Nein. Tu das nicht!«, brachte sie schließlich hervor. »Die Feuerwehr ist gleich da! Warte!«

   Das Heulen der Sirenen drang durch die Nacht. Es war jetzt lauter, aber noch immer zu weit entfernt.

   Nikolas rief etwas, doch seine Worte wurden vom Wind verschluckt.

   Schlagartig rannte er los.

   Die Menge auf der Straße kreischte entsetzt. Holly streckte einen Arm aus, ein sinnloser Versuch, ihn zu erreichen.

   »Großvater!«, brüllte sie.

   Im selben Moment sprang er vom Dach.

Magora – Die Galerie der Wunder (Band 1)
(Englisch: Magora The Gallery of Wonders)

– KAPITEL 1 –
DAS FEUER

– KAPITEL 2 –
DAS GEHEIMNISVOLLE PAKET

Die Grenze kann breit oder schmal sein. Sie hängt davon ab, wie breit man sie machen will. In der Kindheit gehen Fantasie und Realität oft nahtlos ineinander über. Die Grenze ist dann hauchdünn, fast unsichtbar. Später jedoch wird die Fantasie vom Alltag überschattet. Die Grenze wird breiter und fester, so sehr, dass es beinahe unmöglich erscheint, der Fantasie noch Raum zu geben.

 

Mit Tränen in den Augen starrte Holly die halbe Nacht an die Decke. Sie konnte nicht schlafen. Ständig sah sie den Moment, der sich unauslöschlich in ihre Erinnerung gebrannt hatte: Großvater Nikolas, umgeben von Flammen mit einem Ausdruck voller Angst und Entschlossenheit, als er sprang.

   Er war fort. Für immer. Und mit ihm war der einzige Mensch verschwunden, der sie je wirklich verstanden hatte. Jetzt würde sie bis in alle Ewigkeit bei den Smoralls bleiben müssen. Sie waren ihre letzten noch lebenden Verwandten, wenn auch nur entfernt. Aber Holly wusste genau: Bei ihnen würde sie niemals ein richtiges Zuhause finden.

   Großvater Nikolas’ Worte hallten in ihr nach. Es waren Worte, die er einst zu ihr gesagt hatte, kurz bevor das Gericht ihn von ihr trennte: »Vergiss nie, dass du die Kreativität in dir trägst. Du kannst einmal eine große Malerin werden.«

   Holly hatte sich dieses Ziel zu Herzen genommen. Sie wollte malen, träumen, ihre Fantasie zum Leben erwecken. Doch die Smoralls würden ihr das nie erlauben. Für sie waren ihre Zeichnungen nichts als nutzlose Kritzeleien.

   In der Schule war es nicht besser. Amanda Heavenlock, das beliebteste und hübscheste Mädchen ihrer Klasse, verspottete sie ständig. »Kritzelqueen«, nannte sie Holly vor allen anderen. Und die meisten lachten mit.

   Die Kunstschule in Brushdale war Hollys großer Traum gewesen. Eine Schule für Kreative, für Träumer, für Menschen wie sie. Doch dieser Traum war nun zerbrochen. Die einzige Person, die sie je darin unterstützt hatte, war nicht mehr da.

   Holly weinte, bis sie erschöpft in den Schlaf fiel.

 

Es war noch dunkel, als sie am nächsten Morgen erwachte. Ihr Körper fühlte sich schwer und ausgebrannt an. Die Bilder der Nacht hatten sie nicht losgelassen. Immer wieder hatte sie ihren Großvater gesehen, wie er auf dem Dach war, wie das Feuer loderte, wie er sprang.

   Langsam stand sie von ihrer Matratze auf und schlich die knarrenden Stufen hinunter. Am Fuß der Treppe kniete sie sich hin und drückte gegen das Holzbrett der vierten Stufe. Es klickte, und ein geheimes Fach öffnete sich.

   Mit zitternden Fingern griff Holly hinein und holte ein altes Zigarrenkästchen heraus. Es war aus poliertem Silber, der Deckel mit einer Gravur versehen: O’Flanigan.

   Sie wischte den Staub vorsichtig ab und strich liebevoll über die Oberfläche. Dann öffnete sie den Deckel. Auf rotem Samt lagen sorgsam gestapelt mehrere Fotos.

   Auf dem obersten Foto waren drei Menschen zu sehen. Rechts stand ein freundlich wirkender Mann mit schneeweißem Bart und warmem Blick. Holly erkannte ihn sofort: Es war Großvater Nikolas, wohl in seinen Mittsechzigern. An seinen Arm hatte sich eine Frau mit hellblonden Locken geschmiegt. Ihre Augen funkelten vor Lebensfreude, und ein weiches Lächeln lag auf ihren Lippen. Neben ihr stand ein Mann mit dunklem Teint, kräftigen Augenbrauen und markanten Gesichtszügen, die Entschlossenheit und Stärke ausstrahlten. Holly wusste, dass es sich um ihre Eltern handelte. Großvater Nikolas hatte ihr oft von ihnen erzählt. Doch ihre eigenen Erinnerungen waren verschwommen. Sie war noch ein Baby gewesen, als sie bei einem Unfall ums Leben kamen.

   Tränen rollten Holly über die Wangen. Was würde ich bloß für eine Familie und ein normales Zuhause geben, dachte sie und wischte sich die Tränen mit ihrem Ärmel ab. »Großvater Nikolas, bitte komm zurück!«, sagte sie verzweifelt. »Du bist die einzige Familie, die ich noch habe.«

   Sie legte die Fotos behutsam zur Seite und griff nach ein paar Blättern, die zwischen den Erinnerungen im Kästchen lagen. Die Überschrift auf dem ersten Blatt lautete:

 

Das Leben der Schmetterlinge. Wie sie leben, sich vermehren und fliegen.

Aufsatz von Holly O´Flanigan

5. Klasse, Fach: Biologie.

 

Dieser Aufsatz hatte sie davor bewahrt, in Biologie durchzufallen. Sie hatte schon Kunst nicht bestanden, obwohl sie davon geträumt hatte, Künstlerin zu werden. Herr McMillan hatte ihre Zeichnungen als »Kritzeleien« bezeichnet und ihr eine glatte Sechs verpasst. Wäre sie auch noch in Biologie durchgerasselt, hätte sie das Jahr wiederholen müssen.

   Ihr Biologielehrer hatte ihr allerdings eine letzte Chance gegeben: Sie durfte diesen Aufsatz über Schmetterlinge schreiben.

   Dafür musste sie sich oft heimlich in die Stadtbibliothek schleichen, denn die Smoralls verboten es ihr, nach draußen zu gehen. Täglich gaben sie ihr neue Aufgaben, als wollten sie gezielt verhindern, dass sie in der Schule jemals Erfolg hatte.

   Als Holly die Fotos zurücklegte, hörte sie plötzlich ihren Namen. Sie schob das Kästchen wieder in das Fach, ging leise zurück in ihr Zimmer und öffnete das Fenster.

   Unten vor dem Haus stand ihr Freund Rufus. Holly musste lächeln. Sein kurzes rotes Haar und die passenden Sommersprossen leuchteten im ersten Licht des Morgens fast orange. Wie so oft trug er seine blaue Postuniform, die er anzog, wenn er seinen Eltern in der Postfiliale von Donkleywood half. Der dicke Wollmantel, den er darüber geworfen hatte, schien fast zu schwer für seinen schmalen Körper.

   »Ich bedauere es unsäglich, was mit deinem Großvater geschehen ist«, sagte er mit ernster Miene und in seinem gewohnt hochgestochenen Tonfall.

   Rufus war sehr intelligent und genoss es, das zu zeigen. Über die Jahre hatte er sich viele Fremdwörter angeeignet, weil er überzeugt war, dass sie ihn gebildeter wirken ließen.

   »Danke, Rufus«, antwortete Holly.

   »Ich habe ein Paket für dich«, sagte Rufus. »Bitte lass den Korb herab.«

   Holly griff nach einem Korb, der unter dem Fensterbrett stand, und band ihn an ein Seil. Sie hielt das andere Ende fest und warf den Korb aus dem Fenster. Er plumpste nach unten.

   Rufus legte das Paket hinein und gab ihr ein Zeichen, ihn hochzuziehen.

   »Als ich die Post verließ, fand ich es auf den Treppenstufen«, sagte er. »Niemand hat es abgegeben. Es war einfach da. Direkt an dich adressiert.«

   »Das ist echt seltsam«, sagte Holly, zog das Seil straff und holte den Korb nach oben. »Warum legt jemand ein Paket einfach vor die Tür der Post?«

   »Vielleicht weil der Absender wusste, dass die Smoralls es dir nicht geben würden, wenn es offiziell abgegeben worden wäre«, sagte Rufus.

   »Guter Punkt.«

   Holly stemmte sich mit dem Rücken gegen den breiten Fensterrahmen. »Verdammt! Ist das schwer«, sagte sie atemlos.

   Mit einem dumpfen Schlag landete das Paket auf dem Fensterbrett und plumpste dann zu Boden. An der Oberseite war ein lila Umschlag befestigt.

   »Ich muss wieder zurück in die Post«, rief Rufus.

   »Alles klar. Danke dir!«

   Rufus verschwand hinter den Büschen, und Holly schloss das Fenster.

   »Seltsam«, murmelte sie und drehte das Paket um. »Kein Absender.«

   Sie ging zu ihrer fleckigen Matratze, die Frau Smorall einst von einer Müllhalde mitgebracht hatte, und kniete sich hin. Vorsichtig legte sie das Paket auf ihr dünnes Kissen. Dann zog sie den Umschlag vom Karton ab. In krakeliger Schrift stand darauf geschrieben:

 

An: Gindar Holly O’Flanigan

Piddlehinton Straße 13

Donkleywood

 

»Gindar?« Holly fuhr erschrocken auf und sprang von der Matratze. Das Wort kam ihr bekannt vor. Der pockennarbige Mann im Park hatte es benutzt, als er mit der verhüllten Gestalt unter der Eiche gesprochen hatte.

   Hatte dieser seltsame Mann dieses Paket geschickt?

   Holly starrte den Umschlag an, als wäre er aus brennendem Papier. Sie hielt ihn mit ausgestrecktem Arm von sich. Ihr Herz klopfte schnell. Und doch war die Neugier stärker als die Angst.

   Mit zitternden Fingern öffnete sie den Umschlag.

   Im Inneren lag ein Blatt Papier, beschrieben in einer krakeligen Handschrift:

 

Liebe Holly,

kümmere dich bitte gut um Tenshi. Du findest einige Dinge in dem Paket, die du in Zukunft brauchen könntest. Sei vorsichtig und viel Erfolg!

 

Keine Unterschrift. Keine Erklärung. Nur diese rätselhafte Nachricht.

   Holly runzelte die Stirn. Das war alles sehr merkwürdig. Und wer um Himmels willen war Tenshi?

   Sie stopfte den Brief in ihre Hosentasche, kniete sich erneut auf die Matratze und öffnete vorsichtig das Paket.

   Im Inneren lagen mehrere ungewöhnliche Gegenstände: ein in Leder gebundenes Buch, eine rote Feder, deren Spitze sich bis zur Hälfte in exakt zwei Teile spaltete, ein kleines Glasfläschchen mit feinem weißem Pulver und ein seltsamer Apparat mit einem Trichter an der Seite. Er sah aus wie ein winziges Laborgerät.

   Holly griff zuerst nach dem Buch. Der Ledereinband war glatt, und auf der Vorderseite war ein geprägtes Wappen zu sehen: zwei Löwen mit Adlerköpfen, die sich in einem kunstvollen Muster um einen Pinsel wanden. Sie fuhr mit den Fingern über die goldenen Buchstaben und las:

 

Enzyklopädie von Magora ~ von Samuel E. Thorvalor

Historischer Leitfaden durch 80.000 Jahre

 

Neugierig drehte sie das Buch um und las den Text auf der Rückseite:

 

Diese Ausgabe enthält ein zusätzliches Kapitel über die Erschaffung der Ledesma

und über die Schlacht gegen S. A. Lokin, Herzog von Cuspidor.

 

Holly blinzelte verwirrt und flüsterte: »Magora? Was in aller Welt ist Magora?«

   Sie las den Titel noch einmal, dann hielt sie bei der Zahl Achtzigtausend inne. Das konnte unmöglich stimmen und war wahrscheinlich ein Druckfehler. Kein Ort auf der Welt war so alt.

   Doch während sie durch die Seiten blätterte, wich ihr Zweifel langsam der Begeisterung. Die Illustrationen waren elegant und detailreich, jede Seite war wie ein kleines Kunstwerk. Das Buch war in Abschnitte unterteilt, die jeweils mehrere Jahrhunderte umfassten. Die Ereignisse, Orte und Personen waren sehr genau beschrieben, als wären sie historisch belegt. Magora, dieser geheimnisvolle Ort, existierte laut dem Buch seit achtzigtausend Jahren. Es war also kein Druckfehler.

   Verwirrt legte Holly das Buch zur Seite und griff nach dem Gläschen. Ein schmales

Etikett klebte darauf. Die Handschrift war krakelig, aber lesbar.

   Das Mentale Spaltungspuder – Bitte mit Vorsicht benutzen.

   »Mentale – was?«, murmelte sie und schraubte neugierig den Deckel ab.

   Ein beißender Gestank schlug ihr entgegen, eine Mischung aus faulen Eiern und modrigen Pilzen. Holly rümpfte die Nase und schüttelte angeekelt den Kopf.

   »Bäh«, sagte sie und drehte das Gläschen rasch wieder zu. Sie legte es neben ihr Kissen.

   Dann nahm sie den Apparat mit dem Trichter in die Hand. Er erinnerte sie vage an ein altes Telefon mit Wählscheibe, aber wo die Wählscheibe hätte sein sollen, saß nun dieser silberne Trichter. Auf der Rückseite entdeckte sie ein kleines Loch, in dem ein gefalteter Zettel steckte. Neugierig zog sie ihn heraus und entfaltete ihn. Sie las:

 

Schrumpf-O-Meter – Nur für Fachkundige!

Benutzung ausschließlich mit Genehmigung des Hohen Rates erlaubt!

 

Gebrauchsanweisung:

  1. Lege ein Objekt in den Trichter.

  2. Drücke den grünen Knopf.

  3. Schiebe den Hebel nach oben. Objekt schrumpft.

  4. Zur Umkehrung den roten Knopf drücken.

 

Holly zögerte nicht lange. Sie griff nach einer Tube Ölfarbe aus ihrem alten Malkoffer, der ein Geschenk von Großvater Nikolas gewesen war. Vorsichtig legte sie die Tube in den Trichter des seltsamen Apparats und befolgte die Anweisungen. Doch es geschah nichts.

   »War ja klar«, murmelte sie enttäuscht. »Ein schlechter Scherz.«

   Doch genau in diesem Moment blinkte der grüne Knopf. Aus dem Trichter quoll eine dichte Wolke und Nebel breitete sich im ganzen Raum aus. Erschrocken ließ Holly das Gerät auf die Matratze fallen, sprang auf die Füße und hechtete hinter den Kleiderschrank.

   »Alter Falter, was ist das denn?«, rief sie und lugte hervor.

   Ein gluckerndes Geräusch ertönte aus dem Trichter. Der Schrumpf-O-Meter sog die Tube mit einem schmatzenden Ton ein. Es piepte einmal hell wie eine Mikrowelle, und das Gerät spuckte ein winziges Objekt auf die Matratze.

   Der Nebel lichtete sich allmählich.

   Holly kam langsam hinter dem Kleiderschrank hervor. Das Herz pochte ihr bis zum Hals. Vorsichtig näherte sie sich dem Gerät. Auf der Matratze lag die Tube. Sie war kaum größer als ihr Fingernagel.

   Ungläubig rieb sie sich die Augen. Der Schrumpf-O-Meter hatte tatsächlich funktioniert.

   Sie legte die winzige Tube zurück in den Trichter, drückte diesmal den roten Knopf und schob erneut den Hebel nach oben. Wieder quoll Nebel hervor, das Gerät gluckerte, und nach einem weiteren Piepton fiel die Tube in Originalgröße heraus.

   »Wahnsinn!«, sagte Holly erstaunt. Wer auch immer ihr dieses Paket geschickt hatte, war offenbar kein gewöhnlicher Mensch.

   Sie musste Brian und Rufus davon erzählen und ihnen das Gerät unbedingt vorführen.

   Eifrig schrumpfte sie die meisten Dinge aus dem Paket, damit sie in ihren Rucksack passten. Auch die Enzyklopädie wollte sie gerade verkleinern, da ließ sie ein seltsames Trampeln aufhorchen.

   Holly hielt inne, sprang von der Matratze auf und lauschte regungslos.

   Es waren Schritte. Sie wurden lauter und klangen, als würde jemand auf dem Dachboden herumrennen. Dann hörte sie, wie ein Schlüssel in einem Schloss gedreht wurde und ein Knarren folgte. Kurz darauf fiel etwas mit einem Knall zu. Es folgte ein Moment der Stille. Holly hielt den Atem an.

   Plötzlich ertönte ein dumpfes Quieken.

   Holly rannte die Treppe hinunter, die den Dachboden von der Villa trennte. Doch auf halber Strecke blieb sie stehen. Zu dem Quieken hatte sich jetzt ein Hämmern gesellt. Ihr Blick schweifte über die vollgestopften Regale entlang der Treppe. Nichts war zu sehen. Sie schaute nach oben.

   Eine Luke befand sich über ihr.

   Fast hätte Holly sie übersehen, wenn sie nicht einen kleinen Metallring gehabt hätte. Sie verschmolz beinahe mit der grauen Farbe der Decke und war so unscheinbar, dass Holly sie all die Jahre nicht wahrgenommen hatte.

   Sie suchte die Regale ab und fand einen verstaubten Stab, an dessen Ende ein Haken befestigt war. Diesen schob sie in den Metallring der Deckentür und zog mit aller Kraft.

   Mit einem tiefen Ächzen öffnete sich die Luke, und eine schmale Falttreppe klappte nach unten. Hollys Herz begann im Takt des dumpfen Quiekens zu schlagen.

   »Das sind sicher nur Tauben, nur Tauben«, murmelte Holly leise. Sie atmete tief durch und stieg zögerlich die Falttreppe hinauf.

   Oben angekommen, schlug ihr ein modriger Geruch nach Schimmel, Staub und altem Holz entgegen. Der verborgene Dachboden war überfüllt mit Kisten, verstaubten Möbeln und allerlei Gerümpel. In der Mitte, wo ein paar Sonnenstrahlen durch ein kleines Fenster über den Dachbalken fielen, hob sich eine rechteckige Form unter einer schmutzigen Decke ab. Genau von dort kam das Quieken.

   Hollys Knie zitterten so sehr, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Langsam ging sie auf alle viere. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie weglaufen sollte. Doch ihre Neugier fesselte sie an Ort und Stelle.

   »I-i-ist da jemand?«, stammelte sie, während sie vorwärts kroch und sich dem Geräusch näherte. Dann holte sie tief Luft, sprang auf und riss mit einem Ruck die Decke fort.

   Das Quieken verstummte.

   Vor ihr stand eine massive Holztruhe, geschmückt mit kunstvollen Schnitzereien. Auf der Vorderseite war eine Insel zu sehen, über der dieselben Fabelwesen schwebten, die auch das Wappen der Enzyklopädie zierten. In der Stadt unter ihnen bewegten sich Menschen mit langgezogenen Köpfen durch enge Gassen, während Schmetterlinge um sie herum flatterten. Über allem thronte eine riesige Burg, und direkt darüber war ein silbernes Schild befestigt, in das ein einziges Wort eingraviert war: Magora.

   »Magora«, flüsterte Holly. »Genau wie auf dem Buch.«

   Plötzlich ertönte ein Hämmern aus dem Inneren der Truhe. Holly zuckte zusammen. Ein aufgeregtes Quieken folgte.

   Panik stieg in ihr auf und sie rang nach Luft.

   Mit klopfendem Herzen streckte sie zögernd die Hand aus, drehte langsam den eisernen Schlüssel im Schloss und lief anschließend zurück zur Falttreppe.

   Das Quieken verstummte. Für einen Augenblick herrschte absolute Stille.

   Dann hob sich der Deckel der Truhe Zentimeter für Zentimeter. Holly hielt den Atem an.

   Zuerst sah sie zwei pelzige Pfoten. Es folgte ein Paar leuchtend grüne Augen. Kurz darauf kletterte ein Wesen aus der Truhe, das aussah wie ein orangefarbener Koala mit spitzen Ohren. Es hatte ein Gesicht, das seltsam menschlich wirkte, fast wie das eines Kindes.

   »Ist das abgefahren.« Holly rieb sich die Augen. »Das ist ein Nukimai.«

   Sie erinnerte sich an die Geschichten ihres Großvaters. Er hatte oft von solchen Wesen erzählt, sie gezeichnet und ihnen diesen Namen gegeben. Holly hatte immer geglaubt, dass er sich das alles nur ausgedacht hatte. Doch nun stand eines davon direkt vor ihr. Sie kniff sich in den Arm, aber das Wesen verschwand nicht.

   Ganz im Gegenteil, es quiekte, wackelte mit den spitzen Ohren und hopste mit einem dumpfen Plumps auf den Boden. Dann rollte es sich zusammen wie ein Gürteltier und kugelte direkt vor Hollys Füße.

   Sie lachte und fühlte, wie sich die Angst in ihrer Brust auflöste. Vorsichtig bückte sie sich und nahm das flauschige Bündel in ihre Arme.

   Der Nukimai schnurrte sofort.

   Holly kraulte ihn und entdeckte dabei ein kleines Schild an dem Halsband, das er trug.

   »Tenshi«, las sie laut. »Moment mal«, murmelte sie und zog den Brief aus der Hosentasche. Sie überflog die Zeilen: »... kümmere dich bitte gut um Tenshi.«

   Magora. Tenshi. Der Brief. Die verhüllte Gestalt. Irgendetwas verband all das. Aber was? Wo war Magora? Und was hatte sie damit zu tun?

   »Weißt du, wo Magora ist?«, fragte sie den kleinen Nukimai.

   Er wackelte mit seiner schwarzen Schnauze, schüttelte sein orangefarbenes Fell und quiekte laut.

   Doch plötzlich erstarrte er. Seine Ohren stellten sich auf und die grünen Augen weiteten sich.

   Unten in der Villa brüllte jemand: »Holly! Wir müssen dir was erzählen!«

   »Die Smoralls!«, hauchte Holly. »Sie sind zurück.«

   Blitzschnell packte sie Tenshi, kletterte die Falttreppe hinunter und drückte die Luke mit einem lauten Klick zu. Sie schob den Nukimai unter ihren Pullover.

   »Du musst jetzt ganz still sein, sonst entdecken sie dich«, ermahnte sie ihn.

   In diesem Moment flog die Tür zum Dachboden mit einem lauten Knall auf.

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